Wie filmt und fotografiert man im Spannungsfeld zwischen medialer Aufmerksamkeit und menschlichem Tiefgang?

Das Meer – das natürliche Habitat des Fisches. Nach einer Nacht, in der wir mehr Zeit über einem Eimer verbracht haben als unter einer Bettdecke, sind wir jedoch der festen Überzeugung: Der Boxfish muss auf dem Land leben! Wobei die Konsistenz unserer Beine noch nie der einer Flosse näher war als jetzt. Leider lässt es sich auf Flossen nur schlecht stehen. Viel Zeit, darüber nachzudenken haben wir jedoch nicht, denn nach einem kurzen Frühstück beginnt unsere erste Wache. Während wir gemeinsam mit einem der Kapitäne über vier Stunden auf die offene See starren, schütteln acht Meter hohe Wellen das kleine Schiff, seine Crew und unseren verbliebenen Mageninhalt ordentlich durch.

Nach der ersten Wache und dem gemeinsamen Essen verbringen wir die kommenden Stunden mit unserer eigentlichen Arbeit: fotografieren, filmen und Interviews mit der Crew führen. Geplant waren Gespräche mit den Menschen an Bord des Schiffes und ihren Beweggründen, mehrere Wochen auf offener See zu verbringen. Wir merken jedoch gleich, die Meinungen zu unserer Arbeit sind zwiegespalten. Viele betrachten die mediale Aufmerksamkeit argwöhnisch. Zu oft wird das Elend auf dem Mittelmeer von verschiedensten Seiten instrumentalisiert und der eigentliche Sinn der Berichterstattung, die dringende Notwendigkeit von Hilfe, geht verloren. Nach langen Gesprächen verstehen jedoch einige, wie wichtig es ist, gerade die Arbeit von Sea-Eye sowie zum Teil die prekären Einzelschicksale medial zu begleiten, um die Bereitschaft zu helfen überhaupt zu wecken. Viel Zeit für Ruhe bleibt uns danach meist nicht, denn in den Abendstunden beginnt bereits unsere zweite vierstündige Wache.

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Ein paar Tage später dann der Ausruf: “Da! Der kleine Punkt am Horizont.” Endlich gefunden! Anspannung macht sich unter denen von uns breit, die das erste Mal mit an Bord der Alan Kurdi sind. Trotzdem bleiben alle ruhig und jeder weiß insgeheim, was zu tun ist. Aus dem kleinen Punkt werden knapp 100 Menschen, die sich den beengten Raum auf einem heruntergekommenen Boot mit einem defekten Motor teilen. Kleine Schlauchboote werden zu Wasser gelassen und machen sich auf den Weg zu dem Boot, wir mittendrin. In der einen Hand der Fotoapparat, in der anderen Hand die Filmkamera. Storyboard, Setrunner, zusätzliche Beleuchtung oder ein zweiter Take – Fehlanzeige! Wer nur in irgendeiner Form normale Drehbedingungen erwartet hat, wird spätestens jetzt auf den Boden der Tatsachen geholt. Das Einzige, auf das wir uns verlassen können, ist unsere Erfahrung an der Kamera, und das reicht, denn hier geht es nicht um Kunst, sondern um Ehrlichkeit.

Nachdem alle an Deck der Alan Kurdi sind, ziehen wir uns in unsere Kabine zurück. Die Nachricht über die Rettung der Menschen hat sich bereits verbreitet. Jetzt heißt es, Bildmaterial sichten, schneiden, übermitteln und vielen Medienvertretern Interviews geben. Jeder will Informationen, und wir müssen liefern.

Die bisherige Routine hat sich merklich verändert. Neben unseren Verpflichtungen als Crew-Mitglied häufen sich die Anfragen der Medien. Als offizieller Medienpartner von Sea Eye sind wir dafür zuständig, Zeitungen, Magazine und Fernsehsender mit aktuellen Informationen, Bildern und Interviews zu versorgen. Auch wenn wir lediglich auf das notwendigste Equipment – Filmkamera, Fotoapparat, Drohne und Laptop – zurückgreifen können, sind es weniger die technischen Herausforderungen, die unsere Arbeit erschweren. Vielmehr begleitet uns eine Zerrissenheit, wenn es darum geht, mit emotionalen Bildern Aufmerksamkeit für die Arbeit von Sea-Eye zu schaffen, und unserem gleichzeitigen Bestreben, das Elend der Menschen nicht auszunutzen.

So oft es nur geht, sprechen wir mit den Menschen und versuchen ihnen zu erklären, was das Ziel unserer Arbeit ist. Immer wieder aufs neue ist es wie ein kurzes Kundengespräch, das wir führen, um ein Foto zu schießen oder eine kurze Sequenz abzudrehen. Doch was ist mit den situationsbedingten Aufnahmen? Blut, Erbrechen, Verzweiflung oder Freudentränen – das alles sind intime Momente, so echt, unverfälscht, und, wären wir am Set eines normales Drehs, Gold wert. Hier überlegen wir jedoch dreimal, ob wir auf den Auslöser drücken oder die Aufnahmen am Ende wieder löschen, weil Aufmerksamkeit nicht jeden Preis rechtfertigt.

Mit den neuen Passagieren an Deck wird es ziemlich eng auf dem kleinen Schiff, eine Situation, die noch eine Weile andauern sollte. Nachdem Italien die Aufnahme von Erwachsenen verweigert hatte und die Crew keine Familien auseinanderreißen möchte, ziehen wir weiter nach Malta. Dort sollte es jedoch noch einmal zehn Tage dauern, bis wir die Menschen an Land bringen dürfen.

Eine Zeit zwischen Just-in-time-Arbeit für verschiedene Medien, die Dokumentation der Arbeit von Sea-Eye und viele Interviews mit Menschen aus dem der Subsahara. Deren Inhalte von Sklaverei, Folter, Vergewaltigung und Gewalt die eigenen Probleme sehr klein wirken lassen. Die Tage des Wartens sind für alle an Bord zermürbend. Der stete Seegang, zu wenig Schlaf und der Wille, trotz der widrigen Umstände Arbeit auf höchstem Niveau abzuliefern, zehren an den Kräften.

Bis zu dem Moment, an dem ein jahrelanger Traum augenscheinlich Wirklichkeit werden soll. Der Moment, an dem das Ziel Europa für diese Menschen erreicht werden wird. Der Moment, in dem feststeht, dass die Menschen an Land dürfen. Ein Moment, der mit Klatschen, Tanzen, Umarmungen und Selfies zelebriert wird. Bei uns fällt nun alle Anspannung ab, die Müdigkeit kriecht in unsere Knochen, und wir merken, dass uns die letzten Tage und Wochen ausgelaugt haben. Unser Abschnitt der Reise scheint hier vorerst zu enden. Viele, die an diesem Tag oder einem anderen in Europa ankommen, haben jedoch noch einen beschwerlichen Weg zu gehen, und auch die Menschen bei Sea-Eye treten erneut diese Reise an.

Eine Reise, die wir alle unterstützen können!